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Pressespiegel 2008

 
02.03.2008 FAZ Sonntagszeitung

Auf gute Nachbarschaft im Netz

Von Anja Martin
 
Warum gibt es eigentlich auf der Heerstraße immer Stau? Welcher Bäcker hat sonntags offen? Und wo gibt es noch DDR-Brötchen? Mit 11 in die Skatehalle - ist das nicht zu früh? Und wer schießt hier mit Spielzeugpistolen auf meine Balkonpflanzen?
Was nach Tratsch im Treppenhaus klingt, spielt sich in Wahrheit im Internet ab. Neuerdings plaudern Nachbarn auch online statt über den Gartenzaun hinweg. "Werde Auskenner für deine Stadt!", werben die einen etwas ungelenk. "Kennst du deinen Nachbarn schon?", die anderen. Die in der Regel kosten- und werbefreien Portale, die man seit wenigen Monaten im Internet findet, wollen die Kommunikation fördern, Tipps transportieren und im besten Fall Nachbarschaftshilfe anleiern.
[...] Wie geschaffen als Basis für Nachbarschafts-Communities sah sich auch Meine Stadt (www.meinestadt.de). Die Initiatoren hatten innerhalb von acht Jahren Portale für alle Städte und Gemeinden Deutschlands aufgebaut, mit lokaler Suche, Stellenangeboten, Automarkt und vielem mehr - Kooperationspartner und Redakteure sorgten für die Inhalte. "Doch im Zuge von Web 2.0", sagt Sprecher Thorsten Laumann, "möchten sich die Menschen beteiligen. Man will nicht nur Infos saugen, sondern auch welche geben."
So kam 2007 das Parallelportal Meine Leute (www.meineleute.de) dazu. Nun gibt es für jede der 12 241 Städte und Gemeinden Deutschlands eine Community - doch nicht alle sind aktiv. 13 000 Mitglieder in 3200 Gemeinden haben sich bisher registriert. Nachbarschaften wachsen langsam. Auch im Netz.
Obwohl sich die Portale bemühen, flächendeckend vertreten zu sein, sind Online-Nachbarschaften noch ein städtisches Phänomen. Sei es, dass auf dem Dorf der Plausch über den Gartenzaun noch funktioniert oder dass die Menschen nicht so häufig umziehen. Vielleicht liegt es einfach daran, dass die Bevölkerungsdichte geringer ist und eine gewisse Anzahl aktiver Mitglieder nötig ist, um die Sache in Gang zu halten.
Berlin, Hamburg, Köln, Leipzig und München stehen generell auf den vorderen Plätzen. Der typische Nachbar im Internet ist 35 Jahre alt. Knapp mehr als die Hälfte sind Nachbarinnen. Dabei dehnt sich das Altersspektrum von der sechzehnjährigen Schülerin bis zum Rentner. "Wir hatten zuerst als höchste Altersangabe 75 zum Auswählen", erzählt Meine-Stadt-Sprecher Laumann, "bis uns Leute geschrieben haben, sie seien 80. Das ist doch rührend."
[...] Je lokaler die Informationen im Netz, umso eher treffen sich die Leute. "Da sagt man sich: Der wohnt drei Straßen weiter, warum sollte man sich da nicht mal auf einen Kaffee oder auf ein Eis sehen", erzählt Andres vom Brand Science Institute. Auf dem Weg zu weniger Anonymität hat Meine Leute gerade sogar die Spitznamen der Mitglieder auf deren wirkliche Namen umgestellt. "Ich weiß ja gar nicht, ob vielleicht gute Freunde von mir angemeldet sind", argumentiert der Pressesprecher. "So hat es mehr Realbezug, ist einen Tacken persönlicher."